Onlineshop barrierefrei: Was das BFSG konkret verlangt

Seit Juni 2025 müssen Onlineshops barrierefrei sein – für Kleinstunternehmen gibt es eine Ausnahme, für alle anderen nicht. Was das konkret bedeutet, warum die verkauften Overlay-Werkzeuge nichts taugen und wie Sie in einer halben Stunde selbst herausfindest, wo Ihr Shop steht.

Wen es betrifft – und wen nicht

Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Betroffen sind Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr, die sich an Verbraucher richten – also praktisch jeder B2C-Onlineshop.

Ausgenommen sind Kleinstunternehmen: weniger als zehn Beschäftigte und höchstens zwei Millionen Euro Jahresumsatz. Beides muss zutreffen. Reine B2B-Shops fallen ebenfalls nicht darunter, weil sich das Angebot nicht an Verbraucher richtet – wer beides bedient, sollte sich nicht darauf verlassen.

Warum Overlay-Werkzeuge keine Lösung sind

Es gibt Anbieter, die für einen Monatsbetrag ein Skript verkaufen, das angeblich jede Seite barrierefrei macht – meist ein Symbol am Bildschirmrand mit Kontrast- und Schriftgrößenoptionen.

Diese Werkzeuge lösen das Problem nicht. Sie können fehlende Alternativtexte nicht erfinden, keine unbeschrifteten Formularfelder reparieren und keine Tastaturbedienung nachrüsten, die im Markup nicht angelegt ist. Betroffenenverbände lehnen sie überwiegend ab, und in mehreren Ländern waren Shops mit Overlay trotzdem Ziel von Beschwerden. Wer Geld ausgeben will, gibt es besser für die tatsächlichen Korrekturen aus.

Was Sie in einer halben Stunde selbst prüfen können

Für eine erste Einschätzung brauchen Sie kein Werkzeug und keine Agentur. Vier Prüfungen decken einen Großteil der typischen Probleme auf.

Nur mit der Tastatur bestellen. Legen Sie die Maus weg und versuche, mit Tabulator, Pfeiltasten und Enter ein Produkt in den Warenkorb zu legen und die Bestellung abzuschließen. Achten Sie darauf, ob Sie jederzeit sehen, wo Sie gerade sind. Wenn der Fokus unsichtbar wird oder Sie in einem Menü feststeckst, haben Sie Ihren ersten Befund.

Auf 200 Prozent zoomen. Vergrößere die Seite im Browser auf das Doppelte. Bleibt alles lesbar und bedienbar, oder überlappen Elemente und Text wird abgeschnitten?

Kontraste ansehen. Hellgraue Schrift auf weißem Grund sieht modern aus und ist für viele schlicht nicht lesbar. Fließtext braucht ein Verhältnis von mindestens 4,5 zu 1. Besonders häufig betroffen: Platzhaltertexte in Formularen, deaktivierte Schaltflächen und Hinweise im Kleingedruckten.

Formulare ohne Farbe verstehen. Wird ein Fehler im Checkout nur durch einen roten Rahmen angezeigt, bemerken ihn farbfehlsichtige Nutzer nicht. Jede Fehlermeldung braucht Text.

Die häufigsten Befunde in Shops

In der Praxis wiederholen sich die Probleme, und die meisten sind mit überschaubarem Aufwand zu beheben.

Produktbilder ohne Alternativtext stehen fast immer an erster Stelle – besonders in Shops mit vielen importierten Artikeln. Dann Formularfelder, deren Beschriftung nur als Platzhalter existiert und beim Tippen verschwindet. Schaltflächen, die nur aus einem Symbol bestehen, ohne Textalternative – typischerweise Warenkorb, Suche und Schließen-Symbole. Zu geringe Kontraste bei Sekundärtext und Preisangaben. Und Bedienelemente, die auf ein div gesetzt wurden statt auf einen echten Button, wodurch sie mit der Tastatur nicht erreichbar sind.

Dazu kommt die Pflicht, über die Barrierefreiheit zu informieren: eine Erklärung, die den Stand beschreibt und einen Weg nennt, Barrieren zu melden.

Was das für Shopware bedeutet

Die Shopware-Standardthemes sind eine brauchbare Grundlage, aber keine Garantie. Probleme entstehen typischerweise an drei Stellen: in Theme-Anpassungen, bei denen Kontraste zugunsten der Optik geopfert wurden, in Plugins von Drittanbietern, die eigenes Markup einbringen, und in selbst gebauten Erlebniswelten, in denen Bilder und Slider ohne Alternativtexte gepflegt sind.

Der wirksamste Hebel für die meisten Shops sind die Alternativtexte der Medien – einfach, weil es davon so viele gibt. Bei einigen tausend Bildern ist das von Hand nicht zu schaffen, lässt sich aber gut automatisiert vorbereiten und dann stichprobenartig prüfen. Genau dafür habe ich in meinem Plugin für Produkttexte eine eigene Funktion eingebaut, weil die Aufgabe bei praktisch jedem Kunden anfällt.

Eine sinnvolle Reihenfolge

Fangen Sie beim Kaufprozess an, nicht bei der Startseite. Wenn Suche, Produktseite, Warenkorb und Kasse mit der Tastatur bedienbar sind, ausreichend Kontrast haben und beschriftete Formulare besitzen, ist der wichtigste Teil erledigt – für Ihre Kunden wie für die Bewertung des Shops.

Danach kommen die Alternativtexte, dann die allgemeinen Seiten, dann die Feinheiten. Und dokumentiere, was Sie tun: Eine Erklärung zur Barrierefreiheit, die ehrlich benennt, was schon geht und woran Sie arbeiten, ist mehr wert als eine Behauptung vollständiger Konformität, die bei der ersten Prüfung zusammenfällt.

Fazit

Barrierefreiheit ist kein Projekt, das man einmal abschließt, sondern eine Eigenschaft, die man beim Bauen berücksichtigt. Für bestehende Shops heißt das nicht Neubau, sondern eine überschaubare Liste konkreter Korrekturen – die meisten davon in Theme und Datenpflege.

Der praktische Nebeneffekt wird oft unterschätzt: Ein Shop, der mit der Tastatur bedienbar ist, saubere Beschriftungen hat und ordentliche Kontraste bietet, verkauft auch besser. Es gibt kaum eine Maßnahme aus dieser Liste, die nicht allen Kunden zugutekommt.

Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Shop steht, schreiben Sie mir kurz – die vier Prüfungen oben kann ich Ihnen schnell für Ihren Shop durchgehen und Ihnen sagen, was davon Aufwand ist und was in einer Stunde erledigt wäre.

Wo steht Ihr Shop?

Schicken Sie mir Ihre Shop-URL – ich gehe die vier Prüfungen durch und sage Ihnen, was echter Aufwand ist und was in einer Stunde erledigt wäre.

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